Dienstag, 30. Dezember 2008

Die drei Weisen

"Ist das euer Tannenbaum?" fragte mich eine Freundin, die ich samt Brut und Gatten zum Adventsbrunch eingeladen hatte, mit einem verächtlichen Blick durchs Fenster auf die Terasse.
In der Tat, unser Tännchen beeindruckte nicht gerade durch seine Grösse - mein Hang zum Minimalismus war wieder mal voll durchgebrochen.
Klein aber fein stand er stabil und tief verwurzelt in grüner Nacktheit in seinem Topf und wartete auf das festliche Kleid. Gerade im Angesicht der drohenden Weltwirtschaftskrise ist er eine zukunftsträchtige Investition, eine ökologisch untadelige Mehrweg-Tanne, die bis zum nächsten Fest 100%ige Wertsteigerung verspricht und ausserdem im Sommer das Loch in der grünen Grenze um unsere Terrasse stopfen wird. Ein weiterer Vorteil des Zwergenbaums ist der begrenzte Stauraum für Zierwerk. Dem Wunsch, den ganzen Flitter, der sich während der letzten zwei Jahrzehnte in 4 Euroboxen ansammelte, in stundenlanger, kreativer Handakrobatik an den Baum zu werfen, sind durch die fehlende Grösse natürliche Grenzen geetzt.
Kurz bevor ich mich also am Nachmittag der stillen Nacht in den Keller wagte, um mich wie eine Maulwürfin durch angehäuften Sperrmüll an die Weihnachtskisten ranzupirschen, ertönte aus der Küche die schnippische Stimme meiner Engeline "könntest Du jetzt vielleicht mal...den Computer ausmachen!" und kurz darauf aus dem Zimmer des Prinzen "Zoff? Wartet, bin gleich wieder da, will auch !!"
Aah, Weihnachten, das Fest der Liebe. Da bekam ich sie serviert, die Früchte jahrelangen Versuchs, die Brut zu sozialverträglichen Wesen zu erziehen.
So musste das wohl geklungen haben, als die Rollen noch vertauscht waren und ich Herrin im Haus...dachte ich mir und biss in den sauren Apfel, der nicht weit vom Stamm gefallen war.
Während Prinz sich weihnachtsmännisch um seine Liebste kümmerte und Engeline sich um die geschmackliche Verfeinerung der gewürfelten Kuh bemühte, kämpfte ich mich durch Skier, Kisten, Werkzeuge und Koffer, die sich während des letzten Jahres vor den Weihnachtskisten aufgetürmt hatten...und ein weiterer Vorteil des kleinwüchsigen Bäumchens offenbarte sich mir. Die erste Kiste reichte aus, um ihm den Putz zu verleihen.
Fast andächtige Stimmung kehrte ein, als der letzte Ast geschmückt, der letzte Dip im Kühlschrank und das letzte Geschenk verpackt war.
Ein letztes Luftschnappen beim Gang auf den Friedhof rundete das Zeremoniell des Heiligen Nachmittages ab und endete mit heftigem Magenknurren beim Betreten der gewürzig duftenden Küche.
Jetzt musste es schnell gehen. In weiser Vorraussicht inszenierte ich den bisher ausgebliebenen Weihnachtszoff - Oma sagte immer, streiten mit vollem Magen ist ungesund - kurzerhand beim Decken des Tisches durch Zerdeppern eines guten Weinglases, worauf mein Prinz vor Schreck ein Schälchen mit Eiweiss ausschüttete und Engeline darauf ausrutschte. Wir keiften kurz, schoben jeweils dem andern die Schuld in die Schuhe und bekundeten uns gegenseitig unsere Blödheit. Dann war das auch erledigt und bald darauf hatten wir uns wieder lieb und sassen in harmonischer Eintracht im sanften Lichterschein der Kerzen bei Tisch und genossen in gefrässiger Stille die Köstlichkeiten - und Antony Hegarty sang mit engelsgleicher Stimme leise dazu "I'll grow back like a Starfish..."
Zu fortgeschrittener Stunde fand sich dann unter den Geschenken auch meine als vermisst gemeldete Kameratasche wieder, die ich wohl beim letzten Konzert im Shamrock verschlampert hatte - Engeline hat sie dort aufgestöbert und mir liebevoll verpackt mit den Worten überreicht "hier noch etwas, was Du dir so sehr gewünscht hast...". Hach. Wie süss. Ist sie nicht süss, meine Engeline?
Aber nicht so süss, wie das Finale der stillen Nacht. Süssholz. Nein, nicht geraspelt, gekaut. Schmeckte wie Räucherstäbchen in Parfüm getunkt und mit Puderzucker und Lakritze paniert. Ekelhaft, einfach ekelhaft. Man kann sich die Welt damit schönkauen, selbst ein Fischauge wird vergleichsweise zur Delikatesse. Zum Glück hatte ich im Geschenkefundus noch ein Fläschchen Ü20 Whisky...

Palms - Der König [mp3]
The Welcome Wagon - Up On A Mountain [mp3]
Susanna - Jailbreak [mp3]
Kreator - Hordes Of Chaos [mp3]

Sonntag, 21. Dezember 2008

Drei Engel für Wils ;-)

Die beschauliche und betuliche Zeit vor Weihnachten hat ausser Plätzchen, Glühwein und Konsumrausch zum Glück auch noch andere Genüsse zu bieten und manchmal gibt es überraschende Geschenke schon vor dem eigentlichen Fest.
Das Konzert von Schwester Gaby gestern abend war eines davon.
"Ihr Kinderlein kommet ooo kommet doch all..." - dem frohlockenden Aufruf von Wils und den Schwestern folgte ich gerne ins Shamrock und ausser mir noch eine grosse, gutgelaunte Fangemeinde.
Es rieselte kein leiser Schnee und es klingelte kein Glöckchen, auch der rotummantelte Herr mit dem langen, weissen Bart kam nicht mit dickem Schlitten vorgefahren und die blau-betuchten Herren zwangen niemanden dazu, "Still still still..." zu singen. Nein, auch weit und breit kein Bulle und Esel, zumindest blieben sie meinem Auge verborgen.













Dafür gabs eine ordentliche Portion auf die Ohren: erdige und himmlische Rockmusik vom Feinsten.
Zwar versuchte Wils immer noch ein wenig hektisch dem "Bad Moon Rising" zu entfliehen, doch Gaby zügelte ihn mit ihren coolen, sehr locker wirkenden, aber richtungsweisenden Basslinien.
Michi faszinierte mich besonders - der üblicherweise im Hintergrund agierenden Drummerin war ich an diesem Abend durch glückliche Platzwahl besonders dicht auf den Pelz gerückt und konnte so hautnah ihr Solo erleben. Völlig absorbiert und eins mit ihren Drum-Sticks drosch sie wild aber akzentuiert das Schlagzeug - einfach teuflisch gut.

















Die Überraschung des Abends gelang, als die Meister/innen der lauten Töne die Stecker zogen - nicht als Stromsparprogramm, sondern um unplugged mit den guten, alten Akkustikklampfen und der wunderbaren Stimme von Lizzy leisere Töne anzuschlagen
.














Dieser Teil des Konzertes hat mir besonders gut gefallen - eine echte Bereicherung. Auch wenn der Sound an manchen Stellen noch etwas hakte und Lizzy erst bei "Proud Mary", der letzten Zugabe, ihr Stimmvolumen ansatzweise voll entfaltete. Sie lieferte uns eine Kostprobe ihres schönen Gesangs und liess erahnen, dass da noch jede Menge Reserven da sind, noch mehr kommt, wenn die anfänglichen 'Wortfindungsstörungen' des Gesangstrios überwunden sind. Gut Ding braucht eben Weil. Was ich da zu hören bekam, war auf jeden Fall sehr vielversprechend und erweitert das musikalische Spektrum der Schwestern um einen interressanten Part.
Gespannt darf man sein...
Gaby, Michi, Lizzy und Wils - das war klasse, weiter so - und ich freu mich natürlich schon aufs nächste Konzert !

Sonntag, 14. Dezember 2008

Dawson City Ghost Town & music at the Pit

video video

11. Auf nach Dawson !

Von Pelly Crossing/Yukon nach Eagle/Alaska mit dem Kajak






Die letzte Nacht auf Galena Creek brachte besseres Wetter, der Regen hielt endlich inne. Alpträume, in denen ich mit dem Boot auf einen Felsen rauschte und anschliessend in den kalten Fluten versank, quälten mich des nachts und bescherten mir einen unruhigen Schlaf. Beim Frühstück beschäftigten wir uns dann vor allem mit Startstrategien - entweder geradeaus in die Strömung, was mich der bedrohlichen Felsnase vermutlich auf Tuchfühlung nahe bringen würde oder gegen die Strömung aus dem Kehrwasser heraus, was widerum die Gefahr des Kenterns barg. Wir entschieden uns kurzerhand für eine dritte Variante - quer zur Strömung. Der Bug wurde sofort eingenordet, ein bisschen gegengehalten, und schon nahmen wir in ungefährlichem Abstand zum Fels schnell Fahrt auf.
Etwa 1 km vor Dawson wird der Yukon in der Zielgeraden ziemlich schmal und legt noch mal an Tempo zu. Nachdem wir die ersten Häuser passiert hatten, steuerten wir das linke Ufer an, wo wir hinter dem Campground unser Lager aufschlugen. Um ca. 5 Uhr nachmittags krabbelten wir glücklich aus den Kajaks und die Aussicht auf eine heisse Dusche, ein kaltes Bier und warmes Essen liessen uns ruck zuck das Zelt aufbauen. Mit ein paar frischen, extra für den "Stadtgang" reservierten Klamotten und Duschzeug bewaffnet, sassen wir schon bald auf der Fähre, die Tag und Nacht zwischen West- und Ostufer über den Yukon pendelt.
In den Waschräumen eines RV-Parks machten wir uns stadtfein und liessen uns vom leckeren Geruch in die nächste Kneipe locken - Fish and Chips, eine Riesenportion, und ein kühles Bier - das schmeckte wie Weihnachten im Doppelpack. Dawson City mit seinem Wild-West Charme hatte uns wieder, zog uns in seinen Bann und nach dem üppigen Mahl über staubige Holzbürgersteige in einen Musikschuppen.
Männer mit Bärten und Lederhosen standen an der Bar und tranken und erzählten Trappergeschichten, an einigen Tischen sassen langhaarige Indianer, alle schienen sich erst zu verstehen und dann zu besaufen und in der Mitte herrschte reges Stossen am Billardtisch. Die Uhr schien hier rückwärts zu gehen oder zumindest stillzustehen. Jedes weitere Bier liess uns jünger werden und - passend zur Musik - eintauchen in die Hippie-Zeit der frühen Siebziger. Getragen vom Sound der Doors traten wir dann zu fortgeschrittener Stunde den Rückzug an - Riders On The Storm, mit wedelndem Taschenlampenlicht, damit die Fährleute uns sehen und auf uns warten konnten.
Noch zwei ganze weitere Tage verbrachten wir in Dawson City. Nach sternklaren, frostigen Nächten wärmten wir uns beim Frühstück im River West Cafe auf, genossen in der aufgeheizten Nachmittagsluft den Bummel durch die kleinen Läden und klönten uns durch lange Kneipenabende, bis wir am dritten Tag des Rummels überdrüssig wurden und beschlossen, wieder in die Stille der Wildnis zurückzukehren.

Dawson City ist mit heute etwa 1.250 Einwohnern nach Whitehorse die zweitgrößte 'Stadt' im Yukon Territorium. Es liegt am Ostufer des Yukon, an der Mündung des Klondike River, 240 km südlich des nördlichen Polarkreises. Noch heute ist es eine der interessantesten Städte im Yukon Territory. Die Haupteinnahmequellen sind vor allem der Tourismus und immer noch der Goldabbau.

The Dresden Dolls - The Ghost In You [mp3]
Blitzen Trapper - Gold For Bread [mp3]
Firewater - Feels Like The End Of The World [mp3]
Bo Diddley - Gun Slinger [mp3]
Old Crow Medicine Show - Wagon Wheel [mp3]