Dienstag, 29. Dezember 2009

The Point Of No Return

Seit 3 Jahren spinne ich nun schon an den Fäden meines virtuellen Spinnennetzes, mal mehr und mal weniger lustvoll, oft begleitet von den Fragen: wie? wann? warum? Meistens war es die Musik, die mich die Fäden weiter spinnen liess. Damit war wenigstens das "warum" beantwortet. Interessante Stilrichtungen, wunderbare Songs und grosssartige Musiker mit teilweise eindrucksvoller Biografie verfingen sich in meinem Netz, viele engagierte Musikblogs spinnen im Hintergrund unermüdlich und unkommerziell mit. Hörerlebnisse fand ich auf ihern Seiten, die ich auf herkömmliche Weise niemals entdeckt hätte, viel davon bereichert inzwischen meinen Plattenschrank und meine Ohren.
Vor einiger Zeit entdeckte ich so "Sno Cat" von Kristin Hersh. Die US-amerikanische Sängerin, Gitarristin und Songwriterin, die vor allem durch die Indie-Rock-Band Throwing Muses bekannt wurde, sägte mit ihrer rauchigen, leicht brüchigen Stimme und den komplett verrückten Texten sofort an all meinen Tischbeinen.
Ziemlich schräg, aber unbedingt schön.
Lange nichts mehr von ihr gehört, verirrte ich mich heute wieder mal auf Kristin's Homepage.
Ich fand ein Bild von Vic's Gitarre und den Satz "he's gone...so much to go away in a moment.I miss him more than I've missed anybody ever"
Vic Chesnutt, US-Folkmusiker mit eindringlicher Stimme und Kristin's enger Freund hat sich am Heiligabend mit einer Medikamentenüberdosis das wohl unerträglich gewordene Leben genommen. 
Welche Ironie...auch seine Musik hatte ich vor Jahren über Musikblogs kennen- und schätzengelernt, sie schlich sich übernacht mit "Everybody Can Change" übers Ohr direkt ins Herz. Inzwischen besitze ich fast alle seine Alben.
„What a great day to come out of coma“, hat er einmal in einem seiner Songs getextet, und diese Art des schwarzen Humors mochte ich von Anfang an, sie ist charakteristisch für viele seiner Songs.
"Dieser Mann hatte übermenschliche Fähigkeiten. Vic war brillant, wahnsinnig komisch und so wichtig. Er entwickelte einen Gitarrenstil, der es ihm erlaubte, gleichzeitig Bass, Rhythmus und Melodie zu spielen – indem er lediglich zwei Finger bewegte", trauert Kristin Hersh auf einer Spendenseite, die sie zur Unterstützung von Chesnutts Hinterbliebenen eingerichtet hat.

Chesnutt war auf den Rollstuhl angewiesen, seit er im Alter von 19 Jahren im Suff einen Autounfall hatte. In einem Interview der Los Angeles Times klagte er vor kurzem, dass er nicht mehr wisse, wie er seine Arztrechnungen begleichen solle. "Ich habe immer gezahlt, aber jetzt habe ich nichts mehr und weiß einfach nicht, was ich tun soll." Es mache ihn so wütend, dass die in Washington debattierte Gesundheitsreform nicht vorankomme, sagte er der Zeitung im Dezember.
Die überfällige Gesundheits-Reform, die US-Präsident Barack Obama noch an Heiligabend mit breiter Unterstützung des Senats auf den Weg brachte, kommt für Vic Chesnutt zu spät.

Leider durfte ich Vic Chesnutt nie live erleben, obwohl er schon lange auf meiner Liste stand.
Vic kokettierte gerne mit dem Sensenmann, er hatte einige Suizid-Versuche hinter sich und machte dadurch ein mögliches Ende immer greifbar. Dennoch hat mich die Nachricht von Vic's Tod zutiefst berührt.

Rest In Peace, Vic Chesnutt.



Vic Chesnutt - Flirted With You All My Life
Vic Chesnutt - You Are Never Alone
Vic Chesnutt - Chain
Vic Chesnutt - Rustic City Fathers
Vic Chesnutt - Panic Pure Live
Kristin Hersh - Houdini Blues
Kristin Hersh - Sno Cat
Kristin Hersh - Three Nights Drunk
Kristin Hersh - Gin

Samstag, 26. Dezember 2009

Stille Nacht

Gestern, nachts auf dem Bismarcksturm. Stille, so weit das Auge blicken kann. Ein einzelner Gast wartete einsam auf einer Bank. Vermutlich auf Godot. Oder auf Egon's Techno Party. Umsonst. Er hatte wohl nicht mitbekommen, dass das Turmgelände für uns reserviert war, sass einfach da und schaute still auf die Stadt. So liessen wir ihn gewähren.
Nach der Rückkehr kroch ich in meinem Geschenkeberg, um die Trojanischen Pferde zu jagen. Als erstes bekam ich einen bernsteinfarbenen Scotch Highland Single Malt Whisky zu fassen. Dazu einen Einwegaschenbecher im Hosentaschenformat, für die letzte Zigarette danach. Die Vernichtungsschlacht konnte beginnen, das Kalendarium der toten Musiker erwies sich dabei als geniale Begleitlektüre.
Wie meistens, fing ich von hinten an. Der 24. Dezember scheint auch für Musiker kein passender Sterbetag zu sein, gerade mal ein spärlicher Eintrag findet sich dort. Tommy Kiefer, noch nie gehört, Gitarrist der schweizer Hardrocker "Krokus", vor 23 Jahren. Todesursache: Suizid. Am 25. Dezember sind es immerhin schon vier, einer von ihnen James Brown, vor 3 Jahren.
Meinen persönlichen Favoriten fand ich dann am 26. November. 1973 traf John Rostill von den Shadows der elektrische Schlag. An seiner Bassgitarre...welch stilvolles Dahinscheiden! 


Low - In Silence
Zoe.Leela - Silence

Montag, 21. Dezember 2009

Dezembersinn


Kälte zum richtigen Zeitpunkt macht Menschen glücklich. Kurz vor Weihnachten muss es klirrend kalt sein, damit es auf dem Weihnachtsmarkt so richtig heimelig brummt und die Glühweintassen wie auf dem Fliessband über die Theken der Buden rauschen. Blaugefrorene Finger greifen danach, schütten das eklige, süss-klebtige Gebräu in breitgrinsende Münder und lassen diese für Sekunden verstummen.
Endlich.
Glückliche Menschen überall, berauscht und vereint im Duft von Schupfnudeln, Lichterkettenschein und kalten Füssen.
Dinge, die sich wie Trojanische Pferde ins Leben einschmuggeln und dort den Untergang des Sinns vorbereiten.

The Pogues - Streams Of Whiskey
The Pogues - Fairytale Of New York
Sufjan Stevens - Hey Guys! It's Christmas Time!

Sonntag, 20. Dezember 2009

PALETTE 02

Ankündigungshinweise gibt es hier


Es geht um uns Menschen


Die Menschheit muss sich entscheiden

In Kopenhagen wird nicht nur über den Klimawandel verhandelt.
Dort wird eine Schlacht um die Neudefinition der Menschheit geschlagen.

Von George Montbiot

Veröffentlicht in THE GUARDIAN am 15.12.09

"Das ist der Moment, in dem wir innehalten und auf uns selbst schauen sollten. Hier in den plastikverkleideten Gängen zwischen den umlagerten Infoständen, in schwer verständlichen Texten und in ermüdenden Verfahren, befindet die Menschheit darüber, was heute ist und was werden wird. Sie hat die Wahl, so weiterzuleben wie bisher und ihre Erde zu einer Wüste zu machen, oder innezuhalten und sich neu zu definieren. Es geht um viel mehr als um den Klimawandel. Es geht um die Menschheit.

Das Treffen in Kopenhagen konfrontiert uns mit unserer Urtragödie. Wir sind die am weitesten entwickelten Affen und verfügen über den Einfallsreichtum und die Aggressivität, die es uns ermöglichten, Beutetiere zu erlegen, die viel größer als wir selbst waren, neue Landstriche zu erobern und mit unserem Gebrüll unsere natürlichen Beschränkungen zu überwinden. Jetzt sind wir durch die Konsequenzen unseres Verhaltens neuen Beschränkungen unterworfen und leben ziemlich kleinlaut auf diesem überfüllten Planeten, aus Angst, wir könnten andere provozieren oder ihnen in die Quere kommen. Mit unseren Löwenherzen müssen wir das Leben von Büroangestellten führen.

Die Prämisse des Klimagipfels muss die Erkenntnis sein, dass die Ära der Heldentaten vorbei ist. Die Zeit der Bescheidenheit ist gekommen. Wir können nicht länger ohne Einschränkungen leben. Wir können nicht mehr länger einfach unsere Fäuste schwingen, ohne an die Nase zu denken, die uns im Weg sein könnte. Bei allem, was wir tun, müssen wir Rücksicht auf das Leben anderer nehmen und vorsichtig, behutsam und sorgfältig vorgehen. Wir können nicht mehr nur im Heute leben und uns so verhalten, als ob es kein Morgen gäbe.

Das ist eine Konferenz über chemische Vorgänge, über die Treibhausgase, die unsere Atmosphäre zerstören. Es ist aber auch eine Schlacht zwischen zwei Weltsichten. Die zornigen Männer, die jede Vereinbarung zu verhindern versuchen, weil sie ihrer Selbstverwirklichung Grenzen setzen könnte, haben das besser verstanden, als wir anderen. Eine neue Bewegung, die am stärksten in Nordamerika und Australien ausgeprägt ist, jetzt aber überall Fuß zu fassen scheint, will weiter auf den Leben anderer Menschen herumtrampeln, als ob das ihr gutes Recht wäre. Ihre Anhänger wollen sich nicht durch Steuern, Waffengesetze, Regulierungen, Gesundheits-, Sicherheits- oder Umweltvorschriften einengen lassen. Sie betonen, dass fossile Brennstoffe dem am weitesten entwickelten Menschenaffen viel mehr als nur die Verwirklichung seiner steinzeitlichen Träume ermöglicht haben. Für einen (am Alter der Erde gemessen) wunderbaren kurzen Moment haben sie uns ein Leben in glücklicher Unbekümmertheit erlaubt.

Die zornigen Männer wissen, dass dieses goldene Zeitalter vorbei ist; aber sie finden für die Einschränkungen, die sie hassen, nicht die richtigen Worte. Ihre Exemplare des Buches "Atlas Shrugged" (s.http://de.wikipedia.org/wiki/Atlas_wirft_die_Welt_ab ) umklammernd, schlagen sie wild um sich und beschuldigen diejenigen, die sie einengen wollen, Kommunisten, Faschisten, religiöse Fanatiker oder Menschenhasser zu sein; im Innersten kennen sie jedoch den wahren Grund für die notwendigen Einschränkungen, der hemmungslosen Menschen allerdings noch viel widerwärtiger ist: die Rücksichtnahme, die sie anderen Menschen schulden.

Ich fürchte diesen Chor der Rücksichtslosen, ich kann sie aber verstehen. Ich führe ein größtenteils friedliches Leben, aber in meinen Träumen kämpfe ich immer noch mit riesigen Auerochsen. Alle, die noch Kampfeslust verspüren, müssen sich in Ersatzhandlungen oder Fantasievorstellungen flüchten. In Wachträumen und Videospielen leben wir die Bedürfnisse aus, die wir wegen ökologischer Schutzvorschriften oder aus Rücksicht auf andere Menschen nicht mehr befriedigen können.

Die Menschheit ist nicht mehr in Konservative und Liberale, Reaktionäre und Progressive gespalten, obwohl beide Seiten noch der alten Politik anhängen. Heute verläuft die Kampflinie zwischen Wachstumsbefürwortern und Wachstumsbegrenzern, zwischen den einen, die glauben, dass es keine Einschränkungen geben darf, und den anderen, die fordern, dass wir uns Grenzen setzen müssen. Die heftigen Kämpfe, die bisher zwischen der grünen Bewegung und den Leugnern des Klimawandels, zwischen Verfechtern von Geschwindigkeitsbeschränkungen und Geschwindigkeitsfreaks, zwischen echten Graswurzel-Gruppen und von Konzernen gesponserten Teppichrasen-Liebhabern stattfinden, sind erst der Anfang. Dieser Krieg wird noch viel erbitterter geführt werden, wenn die Menschen an die Grenzen stoßen, die aus Rücksicht auf andere Menschen eingehalten werden müssen.

Im Land der Heldentaten Beowulfs (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Beowulf ) haben wir uns in einem Nebel aus Abkürzungen und Umschreibungen, Einschüben und Ausnahmen verirrt und verfolgen eine tödliche Politik, die versucht, allen Ansprüchen gerecht zu werden. Heroismus ist hier fehl am Platz, Leidenschaften und Machtansprüche werden durch die Bedürfnisse anderer Menschen begrenzt. So sollte es auch sein, auch wenn jede unserer Nervenzellen dagegen revoltiert.

Obwohl sich die Delegierten (der Klimakonferenz) ihrer Verantwortung bewusst sind, befürchte ich, dass sie uns im Stich lassen werden. Jeder will sein letztes Abenteuer erleben. Kaum eine der offiziellen Delegationen wird die Implikationen akzeptieren, die ein Leben mit Einschränkungen, ein Leben, das auch das Morgen bedenkt, mit sich bringt. Sie werden sich einreden, dass immer noch Grenzen zu überwinden sind, dass sich immer noch neue Ressourcen erschließen lassen, dass man sich selbst keine Beschränkungen auferlegen muss, weil man die Probleme anderen Weltgegenden und anderen Völkern aufbürden kann. Über allem hier Angesprochenen schwebt eine Erwartung, die nie ausgesprochen wird, aber immer präsent ist. Das (angeblich unbegrenzte) Wirtschaftswachstum ist die magische Formel, die eine Lösung der aufgezeigten Konflikte verhindert.

Wenn die Wirtschaft immer weiter wächst, muss man nichts für die soziale Gerechtigkeit tun, weil sich das Leben (der Armen) auch ohne Neuverteilung (des Reichtums) verbessern lässt. Wenn die Wirtschaft immer weiter wächst, brauchen sich Völker nicht gegen ihre Eliten aufzulehnen. Wenn die Wirtschaft immer weiter wächst, können wir uns auch weiterhin den Weg aus unseren Schwierigkeiten freikaufen. Aber wie bei den Bankern werden die heute angeblich bewältigten Schwierigkeiten morgen vervielfacht wiederkehren. Mit dem Wirtschaftswachstum leihen wir uns nur Zeit, für die wir später hohe Strafzinsen bezahlen müssen. Alle in Kopenhagen vereinbarten kleinen Einschränkungen werden sich schon bald als unzureichend herausstellen. Selbst wenn es gelänge, die Klimakatastrophe zunächst abzuwenden, bedeutet (weiteres) Wachstum, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir an neue Grenzen stoßen, die wieder eine globale Antwort erfordern: die Öl- und Wasser-Knappheit oder die Überdüngung des Bodens. Wir werden von einer existenziellen Krise in die andere taumeln, wenn wir uns nicht um die eigentliche Ursache kümmern: Auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen kann es kein unbegrenztes Wachstum geben.

Auch in den Verhandlungen über den Klimawandel in der Plastikumgebung (in Kopenhagen) geht es nicht wirklich um ernstgemeinte Selbstbeschränkungen. Ein großes Problem bleibt unerwähnt: die Bevorratung. Die meisten Staaten, die sich in Kopenhagen streiten, verfolgen bei den fossilen Brennstoffen eine doppelbödige Politik. Einerseits soll die Nachfrage gedrosselt werden, indem man uns dazu ermuntert, unseren Verbrauch zu reduzieren. Andererseits sollen die Fördergesellschaften das Angebot durch möglichst große Fördermengen erhöhen.

Aus Artikeln, die im April dieses Jahres in der Zeitschrift NATURE veröffentlicht wurden (s. http://www.nature.com/nature/journal/v458/n7242/full/nature08017.html und http://www.nature.com/nature/journal/v458/n7242/full/nature08019.html ), wissen wir, dass wir nur 60 Prozent der gegenwärtigen Reserven an Kohle, Öl und Gas verbrennen dürfen, wenn die durchschnittliche globale Temperatur um nicht mehr als zwei Grad ansteigen soll. Wir könnten noch viel weniger verbrennen, wenn sich die Temperatur nur um 1,5 °C erhöhen soll, was viele der ärmeren Länder fordern. Wir wissen, dass nach der Förderung und Lagerung dieser Brennstoffe nur ein kleiner Bruchteil des darin enthaltenen Kohlenstoffs unschädlich gemacht werden kann. Deshalb müssen die Regierungen zwei unverzichtbare Entscheidungen treffen: Sie müssen festlegen, welche Menge der noch vorhandenen fossilen Brennstoffe im Boden bleiben muss, und es muss eine Vereinbarung geben, dass nicht nach neuen Vorkommen fossiler Brennstoffe gesucht wird. Keiner dieser Vorschläge wurde in Kopenhagen diskutiert.

Trotzdem müsste diese erste große globale Schlacht zwischen Wachstumsbefürwortern und Wachstumsbegrenzern (in Kopenhagen) gewonnen werden, bevor die nachfolgenden Kämpfe um die Begrenzung des Konsums, der Macht der Konzerne und des Wirtschaftswachstums beginnen können. Wenn es den Regierungen nicht gelingt, den Klimawandel zu stoppen, werden die Wachstumsbefürworter von der Schwäche der Wachstumsbegrenzer profitieren. Sie werden mit der gleichen Taktik des Leugnens, der Vernebelung und des Appellierens an den Eigennutz versuchen, auch andere Maßnahmen zu verhindern, die Menschen voreinander schützen oder die Zerstörung der Ökosysteme der Welt verhindern sollen. Der Kampf wird nie enden, und es gibt keine Linie, die diese Leute nicht überschreiten werden. Auch sie wissen, dass dies ein Kampf um die Neudefinition der Menschheit ist, und sie wollen den Menschen zu einer Spezies machen, die noch raubgieriger als die heutige ist.

(Wir haben den Artikel komplett übersetzt und mit Anmerkungen in Klammern und einer Hervorhebung versehen. Das mehr als dürftige "Ergebnis" von Kopenhagen – eine unverbindliche Erklärung ohne konkrete Festlegungen zur Verringerung des CO²-Ausstoßes – bestätigt die schlimmsten Befürchtungen des Autors. Informationen über George Montbiot, der sich seit mehreren Jahren mit dem Klimawandel befasst und Kolumnist der britischen Zeitung THE GUARDIAN ist, sind aufzurufen unter http://www.monbiot.com/archives/2000/06/09/about-george-monbiot/ .)

Quelle und Übersetzung: Wolfgang Jung, luftpost-kl.de

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Disko Partizani

Stell dir vor, Du bist in der Sauna, futterst einen Sack voll Peperoni und kippst dazu nen Wodka. Feurige Balkan-Rhythmen gemischt mit deftigen Beats wummern dir erst den Wurm in die Ohren, fahren dann direkt durchs Herz in die Hüfte, um dann in den Beinen jene pulsierende Mischung aus Freude und Anarchie zu erzeugen, die dich bis zur seligen Erschöpfung in Tanzaufruhr versetzt.

Abgekürzt: Monsieur Chili im Popo alias Shantel verwandelte gestern abend das ausverkaufte Schwimmbecken des Kula in einen Hexenkessel und hinterliess selig-verschwitzte Menschen mit einem breitem Grinsen auf dem Gesicht.

Stefan Hantel alias Shantel, der als Livemusiker und Sänger oder als DJ auftritt, hat mit seinem Bucovina Club Orkestar - Musikern aus Serbien, Bulgarien, Rumänien, Griechenland, der Türkei und Frankreich - die Zauberformel für schweißdurchtränkte Happenings gefunden. Der energetische Stilmix, verquirlt aus aus traditionellen Gypsie - Elementen, Polka Brass, orientalischen Sounds und westlichen Dance-Rhythmen plus Exstase erzeugt ein ungewöhnliches, neuartiges Klang-Konglomerat - ich behaupte mal frisch, den grössten Hype seit Punk-Rock.


Ein heisses Partyfeuerwerk der Extraklasse und tanzen, bis der Arzt kommt - was will man mehr in der besinnlichen Jahreszeit?
Klar, Schnee. Aber der kommt nächstes Wochenende.Moment, ich geh mich mal eben abkühlen.

Shantel - Ex Oriente Lux

Sonntag, 6. Dezember 2009

Musikuss: Seasick Steve

Während andere mit Anfang 60 ihren Ruhestand planen, gibt Seasick Steve erst mal richtig Gas.
Das klingt nach Mississippi, nach endlosen Weizenfeldern, Güterzügen und Whisky. Kurz - Steve's großartiger Delta Blues klingt genauso alt wie er ist.



Seasick Steve - Walkin Man

Samstag, 5. Dezember 2009

irrsinnig menschlich

[...] Als Wahnsinn oder Verrücktheit wurden in der Geschichte des Abendlandes bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bestimmte Verhaltens- oder Denkmuster bezeichnet, die nicht der akzeptierten sozialen Norm entsprachen. Dabei bestimmten stets gesellschaftliche Konventionen, was jeweils genau als „Wahnsinn“ verstanden wurde [...] 

Das Theaterstück "Irren ist menschlich", ein Gemeinschaftsprojekt von Mitarbeitern und Besuchern des Bereichs Sozialpsychiatrie der AWO, entsprach nicht unbedingt normierten Denkmustern, liess mir manchmal das Lachen im Halse stecken und machte trotzdem wahnsinnig Spass. Aufgeführt letzten Donnerstag im Festsaal der Psychiatrie Reichenau. Die Hütte war proppenvoll. Hätte es Eintritt gekostet, wär's bestimmt ausverkauft gewesen...< Spass />


Hintersinnig und voller Wortwitz meisterten die Akteure die spielerische Annäherung an ein irres Thema,   berichteten von der Kunst, Elefantenherden zu vertreiben, vom Übel des Mundgeruchs in der Therapie und dem ganzen anderen normalen Wahnsinn. Schwester Gaby und die Psychorocker boten die passende Live-Musik-Therapie und begleiteten das muntere Treiben mit irrsinnig rockigen Klängen.


Es war nicht einfach auszumachen, wer denn nun "verrückt" und wer "normal" ist, weder unter den Akteuren noch im Publikum. Es war letztendlich auch herzlich egal. Neben mir sass Hand in Hand ein älteres Paar, manche blickten apathisch, andere redeten dazwischen, aber die meisten hatten offensichtlich viel Freude an den Irrungen und Wirrungen auf der Bühne und forderten am Ende mit begeistertem Applaus eine Zugabe - ganz wie im "normalen" Theater.





Ein mutiges Projekt - da steckte viel Herzblut und auch viel Arbeit drin. Respekt und ein dickes Lob an dieser Stelle an alle Beteiligten!

Dem Wahnsinn dicht auf den Hacken war ich froh, die Anstalt wieder verlassen zu dürfen, im Gegensatz zu manch anderem Zuschauer. Der Schritt zum Ver-rückt werden ist bisweilen kleiner, als uns Normalos lieb ist. Gerade in der jetzigen Jahreszeit.
Oder mit Joachim Ringelnatz' Worten ausgedrückt:

"Die besinnlichen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr haben schon manchen um die Besinnung gebracht."


Also, passt auf euch auf ;-)


Neko Case - Runnin' Out of Fools
 

Grateful Dead - Ship of Fools
Eagles Of Death Metal - Now I'm A Fool
 

Foreigner - Fool For You Anyway

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Ein Keks.Bitte!!!

Eierlikör tropfte auf die Tastatur, bildete eine kleine Pfütze, mischte sich mit dem entscheidenden Absatz des Satzflusses und  verklebte den Leertaster.  



Ich sollte Weihnachtskekse backen. Da kommt wenigstens was dabei heraus.

Talking Heads - And She Was
Lightnin' Hopkins - Another Fool In Town 
Them - Here Comes The Night   

Montag, 30. November 2009

Die alte Frau und das Licht


Als ich an der Tür klingle, dauert es eine Weile. Dann macht sie auf. Kleiner ist sie gworden seit unserem letzten Treffen. Der Rücken krümmt sich schwer unter 92 Jahren Leben.
"Der Stock, wo ist nur mein Stock?"
Wir suchen. Der Stock lehnt am Wohnzimmersessel.
"Die Lichter bleiben an. Damit man nicht sieht, dass keiner zuhause ist."
Und "zweimal abschliessen, bitte"
Wer soll denn hier was wollen, denke ich und tue ihr unrecht. Was weiss denn ich schon...

Erst der Sohn gestorben. Dann der Mann. Und zuletzt der Hund.
Im Juli ging die Elfriede und im Oktober die Marlene.
Es wird langsam still im Haus, kein Bellen mehr und kein Anruf. Wenn die Türglocke schellt, steht das Essen auf Rädern draussen.

Die einst stolze Bergsteigerin geht rückwärts die Stufen runter.
"Letztes Jahr ging das auch noch besser. Hast Du meine Handtasche? Wie schön, die Adventssbeleuchtung in den Gärten!"

Der Duft frischgebackener Plätzchen dringt aus der Wohnung, als ich die Tür aufschliess.
Wir essen, trinken Wein und erzählen uns Geschichten.
Sie von der Einsamkeit des Alters, ich von der Einsamkeit der Wildnis.
"Ich dachte schon, heut abend verbring ich wieder allein mit Anne Will und ihren Gästen. Dann kam dein Anruf. Was für ein Glück. Du hast immer so ein schönes Licht."

Die Fenster ihres Hauses sind hell erleuchtet, als ich spät den Schlüssel  zweimal umdrehe.
"Gute Nacht."
Die Türe fällt leise ins Schloss und ich beginne ich zu ahnen, was Einsamkeit bedeutet.

Iron & Wine - Promise What You Will
Grizzly Bear - While You Wait For The Others 
Bonnie Prince Billy - Death To Everyone
Grateful Dead - He’s Gone

Montag, 23. November 2009

Gift

vom Geben und Nehmen

Die Kwakwaka'wakw First Nations leben Im Norden von Vancouver Island .
Im Gegensatz zu den meisten anderen Gesellschaften war bei ihnen Reichtum und Status nicht bestimmt durch Anhäufen materieller Güter, sondern durch das Weggeben derselben. Ihre Gemeinschaft war nicht vom Geld getrieben, sondern vom Geben und Nehmen, von Werten, die keinen Preis haben.
In der alten Tradition der Kwakiutl-Indianer gab es dafür ein wichtiges Ritual: den "Potlatch" ("geben, schenken"). Die tagelangen spirituellen Feiern dienten dem sozialen Ausgleich und der Repräsentation von Macht. Eine zentrale Rolle spielte dabei das Verschenken und Beschenktwerden - manchmal bis zur völligen Verausgabung. Die reich beschenkten Gäste waren verpflichtet, ihrerseits das nächste Potlach auszurichten. So ging das hin und her und hielt die Gemeinschaft zusammen.
Die "Verschwendung" des zeremoniellen Schenkens erregte jedoch nach und nach die Gemüter der weissen Siedler. Sie sahen durch die "heidnischen Bräuche" das Arbeitsethos, die Moral und die Christianisierungsbemühungen bedroht, betrachteten sie als ökonomischen Irrwitz. Beim letzten und grössten Potlatch im Winter 1921 schritt die kanadische Polizei ein und verhaftete 45 Gäste, 26 davon sassen monatelang im Gefängnis.
Schuldig befunden des Tanzens, Redens und Schenkens.

"Im Verlauf des 19. Jahrhunderts geriet dieses System durch den Kontakt mit europäischen Händlern und Werten aus den Fugen und wurde unwiederbringlich zerstört. Die von den europäischen Einwanderern verfügbar gemachten Reichtümer ermöglichten es jungen Häuptlingen, in einen regelrechten Wettbewerb beim Abhalten von Potlatchs zu treten. Doch mit dem zunehmenden Einfluss des Christentums handelte es sich hierbei mehr und mehr um ein Ringen nach weltlicher, denn nach spiritueller Bedeutung. Ein Ringen, bei dem so mancher der jungen Häuptlinge sich selbst und die ihm anvertraute Stammesgruppe in den Ruin trieb. 1884 wurde der Potlatch deshalb von der kanadischen Regierung verboten. Dieses Verbot galt bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Seither wird versucht, das ursprüngliche Wesen des Potlach in zeitgemäßer Form neu zu beleben.
[Wikipedia]"

Lite - Ghost Dance 
Lite - Human Gift 
Heels Catch Fire - This Was Never A Gift 
Royal City – Bring My Father A Gift

Samstag, 21. November 2009

Musikuss: Great Lake Swimmers

Getreidesilos, Kirchen und Gemeindehallen dienen den kanadischen Great Lake Swimmers als Studioersatz. In einem alten Schloss und einer Kirche auf Thousand Islands, einer Inselregion im St.-Lorenz-Strom, an der Grenze zwischen Kanada und den USA, nahmen sie ihr viertes Album „Lost Channels“ auf. Die Inspiration und Akustik dieser ungewöhnlichen Aufnahmeorte wirken wie ein zusätzliches Instrument und verleihen Tony Dekker's schönen Stimme etwas Sphärisches.

Fahr mit den ghosts of the highways zu den Great Lakes, zünde ein Lagerfeuer an und lass dich einhüllen und wärmen von der Harmonie erhebender Klänge.
Oder trink Kamillentee und zünd dazu ein Teelicht an -  ohne diese Platte kommt man jedenfalls nicht über den Winter.

Great Lake Swimmers – Still
great lake swimmers – pulling on a line
Great Lake Swimmers-Concrete Heart

Mittwoch, 18. November 2009

Der Bär und der Engel

"Moinmoin. Heute Nacht sind zwei Bären um euer Zelt rumgeschlichen. Habt ihr es auch bemerkt?" So wurden wir am Morgen beim Frühstück von unseren Nachbarn begrüsst. Nein, ausser dass mitten in der Nacht das Lagerfeuer völlig unmotiviert wieder zu prasseln anfing, hatten wir nichts bemerkt.
Und dann - ein Spass kommt selten allein: "falls ihr über El Portal nach San Francisco weiterfahren wollt: die Strasse ist gesperrt, es gab die letzten Tage einen riesigen Waldbrand im Valley. Wo habt ihr euer Auto stehen?"
Jetzt wurden wir hellhörig. Die ungewöhnliche Dunstglocke überm Yosemite Valley war uns schon gestern aufgefallen. Aus Spass wurde Ernst und ziemlich beunruhigt brachen wir die Zelte ab. Ein "take care und viel Spass noch", Wasserflaschen füllen am Bach und schon waren wir auf dem steilen Weg - 1.400 Höhenmeter nach unten und das im Schuss.
Am Merced River gönnten wir den malträtierten Knien die erste Rast und unseren Füssen ein erfrischendes Bad im kühlen Fluss. "Mum, hinter Dir steht ein Bär" hörte ich, in der Sonne dösend."Jaja" - ich blinzelte Pascal müde zu. Es gab bessere Witze mich aus der Ruhe zu locken. "Du solltest wirklich aufstehen, aber vorsichtig, nicht dass du ihn erschreckst !" Ich machte die Augen auf, sah meinen Sohn mit der Kamera vor mir, drehte mich um - da stand der Bär, etwa 5 Meter hinter mir und schaute uns neugierig an. Ich senkte den Blick, redete ruhig auf ihn ein und lief ganz langsam rückwärts. "Hey bear, what's up bear, this is not the right way bear". Er schien mich zu verstehen, drehte nach links ab und lief in einem grossen Bogen um uns rum. Puh! Aber zu früh gefreut - nach kurzem Zögern drehte er sich wieder um und lief direkt auf uns zu. Pascal knipste munter drauf los, während ich mit einem Prügel wie wild in der Luft fuchtelete und aus Leibeskräften schrie: "hey guy go away guy! skidoo! beat it!" Das zeigte Wirkung und der Bär trollte sich.
So ein Schreck und so eine Freude! Nun hatten wir doch noch unsere Bärenbegegnung und ein paar hübsche Bilder im Kasten.


Flink machten wir uns auf den Weg, bevor Petz uns doch noch richtig kennenlernen wollte. Bald erreichten wir den 181m hohen Nevada Fall und wenig später den 97m hohen Vernal Fall. Ab hier war es mit der Stille und Einsamkeit vorbei. Herscharen von bunten, geschwätzigen Menschen kletterten vom Yosemite Valley hoch und tummelten sich um das grandiose Naturschauspiel. Wir fühlten uns fast ein wenig fremd in der Menge...
Von nun an ging es beinahe in Falllinie abwärts. Als wir endlich am Parkplatz Happy Isles ankamen, waren wir heilfroh: unser Auto stand da, frisch wie vor 7 Tagen. Nebendran sass ein junger Mexikaner auf seinem Pick-Up. Seit einem Tag wartete er auf seine Freunde, die er bei der Besteigung des Half Dome verloren hatte. Nein, auch wir hatten sie nicht getroffen, aber er war froh, uns ein Ohr abkauen zu dürfen. Seit Stunden gab es keine Möglichkeit mehr, die Wasserflaschen aufzufüllen, es herrschte eine Affenhitze und wir waren kurz vor dem Verdursten. Wie gross die Freude, als der Mexikaner zwei Literflaschen Gatorade aus seiner Kühlbox zauberte...einen echten Trail Angel hatten wir jetzt auch im Repertoire!
Sechs anstrengende, aber unvergessliche, wundervolle Tage in einer paradiesischen Landschaft lagen hinter uns. In Curry Village mischten wir uns nach einer ausgedehnten Dusch-Orgie unters bunte Volk und feierten ausgiebig die gelungene Tour.

Trail Of Dead - Relative Way 
Boy & Bear - Mexican Mavis
Truckstop Coffee - Ghost Or An Angel 

Montag, 16. November 2009

Vermissen


Und dann
gibt es Tage
die Trauer tragen
Bugwellen der Unvernunft
brechen im Kiel des Alltags entzwei
Dein Lächeln erstarrt
im Vermissen
eingehüllt im Regen
entblösst durch die Nacht
es ist spät
komm
lass uns tanzen

Sonntag, 15. November 2009

High and dry


Der Blick aus dem Zelt am nächsten Morgen machte mich frösteln. Die Sonne versteckte ihre wärmende Kraft noch hinter der eleganten Bergkulisse und auf das Zeltdach hatte sich über Nacht eine hauchdünne Eisschicht gelegt. Die Kälte trieb aber schnell die Müdigkeit aus den Knochen und man konnte zusehen, wie die Morgensonne erst die Gipfel zum Glühen brachte um allmählich die ganze Szenerie in goldenes Licht zu tauchen.
Die Rucksäcke waren nach dem Frühstück wieder etwas leichter und immer weniger beschwert machten wir uns auf die vorletzte Etappe, erst über den Cathedral Pass, der im Vergleich zum Donohue Pass eher eine Hügelüberschreitung ist, dann in stetigem Auf und Ab durch schattenspendende Wälder, über dürre Wiesenlandschaften und karge Felsplateaus.
Stunde um Stunde liefen wir weiter, näherten uns den gewaltigen Granitblöcken des Yosemite Valley. Der Tag fiel mit dem Weg langsam ab, die Schatten wurden länger und wir wunderten uns wieder mal, wie wir so lange hatten gehen können. War am Morgen noch alles ganz leicht, wurden die Schwierigkeiten des Marsches auf einmal so gross und auch die Last der Rucksäcke verdoppelte sich gegen Abend heimlich. Dann kamen die schwersten hundert Meter: die Letzten...
Auch die Beine waren schwer und in den Knochen steckte jene angenehme Müdigkeit wie nach guter, körperlicher Arbeit. Was für ein Glück, als wir an der Abzweigung zum Half Dome Trail ein hübsches Plätzchen auf einem Felsentisch entdeckten, auf dem schon eine Feuerstelle und ein Stapel frisch gehacktes Holz auf uns warteten.

Eine Fels-Etage tiefer gesellte sich kurz vor Einbruch der Nacht ein deutsches Päärchen zu uns. Wir verstanden uns, ein paar gute Geschichten vertrieben die Zeit am langsam sterbenden Lagerfeuer und dann...Schlaf für die Todmüden!

Manu Chao - Me Gustas Tu [mp3]
Deep Purple - Hush [mp3]
Radiohead - High And Dry [mp3]

Donnerstag, 5. November 2009

staubiger Weg ins Paradies


Am nächsten Tag zeigte sich der Himmel verhangen. Das erste mal seit wir in Kalifornien waren - zum Laufen war es sehr angenehm, Und es lag die leichteste aber längste Etappe vor uns. 28 km wollten wir heute zurücklegen, durch den Lyell Canyon am Tuolumne River entlang. Der Weg verlief bis Tuolumne Meadows in überwiegend ebenen und etwas langweiligen Gelände, dafür trafen wir verhältnismässig viele Wanderer. Tuolumne Meadows ist die größte subalpine Wiesenlandschaft in der Sierra Nevada und über die höchstgelegene Strasse Kaliforniens, die Tioga Road (3.031 m) erreichbar. Die herrlichen Landschaften mit Wiesen, Bächen und blauen Seen, eingebettet von riesigen Granitdomen, locken viele Tageswanderer und Kletterer in dieses Gebiet.
Die letzten Kilometer von Tuolumne Meadow bis zu unserem Tagesziel, den Cathedral Lakes, wurden dann doch noch anstrengend. Nach ständigem Auf und Ab erreichten wir endlich den Abzweig zum Lower Cathedral Lake, liessen den jedoch links liegen und stiegen zum Upper Cathedral Lake auf.

Das war eine weise Entscheidung! Es erwartete uns ein absolut bezaubernder Anblick. Majestätisch thronte der gezackte Gipfel des Cathedral Peaks in der Abendsonne über dem spiegelglatten See und zauberte sein wundervolles Spiegelbild ins Wasser.Dieses paradiesische Fleckchen war wie geschaffen für unser Nachtlager.

Sun Kil Moon - Tonight The Sky [mp3]
Sun Kil Moon - Like The River [mp3]
Sun Kil Moon - Heron Blue [mp3]

Mittwoch, 4. November 2009

Aufruf von ver.di gegen Behinderung von Betriebsratsarbeit

Wegen andauernder Behinderung von Betriebsratsarbeit und Gewerkschaft im Betrieb
 

ver.di – Protestkundgebung gegen den TERRA – VERLAG in Konstanz am Donnerstag, den 05. November um 16.00 Uhr vor dem Verlagsgebäude in der Neuhausener Straße 20 in Konstanz

Im Rahmen einer Kundgebung vor dem Verlagsgebäude des Terra – Verlages in Konstanz protestieren Mitglieder der Gewerkschaft ver.di gegen die Geschäftsführung wegen fortgesetzter Behinderung von Betriebsräten und ver.di Mitgliedern im betrieblichen Alltag! 


Hintergrund:

Bereits mit der Gründung des Betriebsrates im Jahr 2003 begannen die ersten Schikanen und setzten sich fort. Mit der Nominierung von Herrn Dr. Dirk Heizmann in die Geschäftsleitung im Jahr 2006 verschärfte sich zunehmend die Gangart. U.a. wurde die Belegschaft im benannten Zeitraum von 30 auf mehr als die Hälfte reduziert auf derzeit 15 Beschäftigte, von denen 3 Leiharbeitnehmer sind. Kündigungen und fallweise Angebote zur „Freien Mitarbeit“ derselben Arbeit, gezieltes Outsourcen der Arbeitsplätze der Betriebsrats- Mitglieder, unter Druck setzen aller Mitarbeiter, welche „mit dem Betriebsrat zusammenarbeiten“, zahlreiche „4 – Augen – Gespräche“ sorgen bis zum heutigen Tag für ein ständiges Klima der Angst.


- ver.di sind mindestens 4 Fälle nachweislich bekannt, in welchen betroffene Kolleginnen und Kollegen    psychisch zum Teil schwer erkrankt sind. Alle befinden sich aktuell in fachärztlicher Behandlung, - von stationären Aufenthalten bis dauerhaft medikamentöser Behandlung

- Im März 2008 wurde dem ersten Betriebsratsvorsitzenden gekündigt! 


- Im September 2008 wurde die nachgerückte Betriebsratsvorsitzende ebenfalls gekündigt! 

- Darauf musste der 3 köpfige Betriebsrat neu gewählt werden…

- Im Juni 2009 traf es den stellvertretenden Vorsitzenden – ebenfalls Kündigung!

- Seither versucht man eine von zwei verbliebenen Betriebsrätinnen über Druck zu einem Aufhebungsvertrag zu bewegen… 


Gegen eine solche Arbeitskultur wollen wir öffentlich ein deutliches Zeichen setzen ! 

Im Anschluss an die Kundgebung besteht die Möglichkeit, von Betroffenen bezeugte Aussagen zu den erhobenen Vorwürfen zu erhalten.

Dienstag, 3. November 2009

im steinernen Meer


Auch in dieser Nacht hatten die Bären offensichtlich unser Lager gemieden, denn die Essenskanister lagen am nächsten Morgen unberührt an der gleichen Stelle. Mit einem Bärenhunger machten wir uns über Trekking-Cheeseburger aus der Dose her. Das Geschmackserlebnis war eher bescheiden, dafür bot uns der See mit dem Spiegelbild des Banner Peak in der Morgensonne einen Augenschmaus.
Wir brachen rasch auf, der 3.400 m hohe Donohue Pass lag vor uns. Meter um Meter kämpften wir uns in der dünnen Luft über die Baumgrenze in ein steinernes Meer. Der Weg war gut, doch mit jedem Höhenmeter schienen die Rucksäcke schwerer zu werden. Scharfes Sonnenlicht wurde vom hellen Grau der Steinwelt zurückgeworfen, das Gehen in dieser unwirklich anmutenden Landschaft gepaart mit der Anstrengung versetzten mich in eine Art Trance. Oben bot sich uns dann ein grandioses Panorama.
Eine kurze Pause, ein Snack - dann ging es wieder runter, nach Lyell Fork. 
Unterwegs trafen wir ein junges, deutsches Päärchen aus Freiburg. Völlig begeistert erzählten sie von ihrer Reise, auf die sie jahrelang hingespart hatten und wir freuten uns, mal wieder ein paar Worte in der Muttersprache wechseln zu können. Deutschländer trifft man hier eher selten.

Nach einem kräftezehrenden Tag waren wir froh, als wir am Merced River ankamen und auf einer sumpfigen Wiese endlich einen einigermassen trockenen Lagerplatz fanden. Ein erfrischendendes Bad im Fluss, ein Feuer und eine leckere Mahlzeit, dann war es wieder schlagartig dunkel und heute begleitete uns das Rauschen des Flusses  in den Schlaf.

Alabama Song

Montag, 2. November 2009

Vergnügungen


Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein

Berthold Brecht

Freitag, 30. Oktober 2009

Sie sind nicht tot - sie haben nur die Saiten gewechselt


Naja, bis Weihnachten isses noch ein bisschen. Wie mir zu Ohren gekommen ist, sind aber viele von euch schon fleissig am Wunschzettel schreiben. Vielleicht ist euch der alleinige Wunsch nach einer besseren Welt auch zu abgefahren und der Plattenschrank oder die Festplatte lässt keine Wünsche mehr offen, dann gibt es hier, speziell für Musikfans und passend zur Jahreszeit eine kleine, morbide Empfehlung:

†  Kalendarium toter Musiker für das Jahr 2010  † 

2010 und es gibt ihn wieder! Der Kultkalender ist zurück. Mit noch mehr Toten! Auf 480 Seiten warten über 1100 verstorbene Musiker und Musikerinnen darauf, wiederentdeckt und unter Zuhilfenahme hochprozentiger Getränke gewürdigt zu werden.

Bestellen kann man das gute Stück bei Onkel & Onkel - also, nichts wie drauf auf den Wunschzettel !

The White Stripes - Walking With A Ghost [mp3]
INXS - Devil Inside [mp3]
The Ventures - He Never Came Back [mp3]
Greatful Dead - Friend Of The Devil [mp3]
Black Sabbath - Black Sabbath [mp3]

Es sind Worte, nur Worte

Der Eine und der Andere. Beide in einem Boot. Sie segeln zwischen zwei Polen, der sicheren Bucht und dem bewegten offenen Meer. Existenzielles Schwimmen, zwischen Aufbruch und Abschiednehmen. Eine Unterhaltung, bestehend aus fragmentierten Sätzen und unzulänglichem Satzgerüst füllt die Szenerie, beeindruckend untermalt von den aufwühlenden Klängen eines Cellos.

Ich habe es getan
Wie hast Du es getan?
einfach so

Der Eine, überdrüssig des Lebens, des Lärms der Anderen und seiner selbst. Der Gedanke, vom Boot zu springen, es einfach zu tun, auch wenn es Angst macht, lässt ihn nicht los. Der Andere versucht zu vermitteln, zu ergänzen und zu verstehen, folgt den Erklärungen des Einen, Erklärungen, die sich auflösen, die sich immer wieder verlieren an den Grenzen der Sprache.

Das sind alles nur Worte. Es ist alles ausgedacht.

Fosse zeichnet poetische, vielschichtige Sprachlandschaften, deren Wortgewalt sich durch Aussparung, durch Reduktion auf das Unwesentliche auszeichnet. Es, das vermeintlich Wesentliche bleibt nebulös, wird durch das Unaussprechliche ausgedrückt, drängt sich dem Zuschauer auf im Scheitern der Sprache. Ein logisches Paradoxon.

Ich fühle mich so schwer, so schwer wie ein Stein
Du meinst, grau?
Ja. Grau. Nein. Grau ist nicht hässlich. Grau ist schön. Und hässlich.

Handlung gibt es in diesem Stück kaum, es offenbart sich einem eher als Meditation, als Landschaft oder schwebender Zustand zwischen Leben und Tod. Die imaginäre Wirklichkeit wird unterstützt durch ein Bühnenbild, welches ebenso reduziert ist, wie das Stück selbst. Die beiden Männer sitzen auf einem schwankenden Balken, dahinter ist ein netzartiges Segel gespannt. Befreiende Aufbruchstimmung kommt auf, als auf dem Balken gespeist und Schnaps gekippt wird. Die Koketterie mit anheimelnder Normalität ist jedoch von kurzer Dauer. Der Eine stellt sich euphorisch in den Wind, will hinaus in die ungewisse Weite, der Andere klammert sich an den Anker der Sicherheit versprechenden Bucht. Der Eine lässt sich nicht beirren, segelt hinaus, lässt alle Fixpunkte hinter sich. Das Boot wird zum Spiel der Wellen. Und dann passiert es.

wo bist Du? wo bist Du?

Jegliche Rettungsversuche scheitern. Der eine ist fort. Fort mit dem Wind. Das Scheitern manifestiert sich in verzweifeltem Aufbäumen gegen das Unfassbare.

ich bin fort mit dem Wind - ich bin der Wind 

Fosse erzeugt in diesem sperrigen Stück eine triste Stimmung, die nicht leicht zu ertragen ist. An manchen Stellen entsteht der Wunsch, die Protagonisten von der Stange zu werfen, um der Befindlichkeitsfolter ein Ende zu setzen. Manchmal fragt man sich, ob nicht das Cello allein das Stück sehenswert macht.
Doch das täuscht. Die Kraft von Fosse's Sprache wirkt nach, erschliesst sich einem in ihrer Tiefe erst nach dem Verlassen des Theaters. Auch Stunden später bleiben unklare Gedanken, die aber nach und nach einer klaren Faszination weichen.

Jon Fosse "Ich bin der Wind" / Regie Wulf Twiehaus / Stadttheater Konstanz

Arcade Fire - Cold Wind [mp3]
Juliette Lewis - Suicide Dive Bombers [mp3]
The Decemberists - Lost At Sea [mp3]
Regina Spektor - Sailor Song [mp3]
The Unicorns - Sea Ghost [mp3]

Dienstag, 27. Oktober 2009

Montag, 26. Oktober 2009

Die Schönheit der Welt atmen

Der Johnston Lake liegt mitten im Wald, auf knapp 2.800 m. Es war noch dämmrig und ziemlich kühl, als ich morgens aus dem Zelt kroch. Um mich aufzuwärmen, zündete ich erst mal ein Feuer an. Die Vögel regten sich langsam und fingen an zu zwitschern, der See lag still und glatt wie ein Spiegel eingebettet zwischen den Bäumen, es roch betörend nach frischem Harz. Plötzlich knackte es hinter mir. Ich erschrak und fuhr herum. Aus dem Unterholz sprang ein Reh mit zwei Kitzen, die neugierig und ohne Scheu zu mir rüberschauten. Erleichtert über diesen erfreulichen Besuch holte ich erst tief Luft und dann die Kamera, setzte mich hin und während ich das Spiel der Tiere beobachtete, überkam mich ein tiefes Glücksgefühl.
Die Schönheit der Welt atmen...



Die folgende Etappe führte über den 2.957 m hohen Gladys Pass, durch die urtypische Landschaft der Sierra Nevada. Tiefblaue Seen, eingebettet in grüne Täler, die mit hellgrauen Granitblöcken übersät sind und gewaltige Felsmassive, die darüber thronen. Selten zuvor hatte ich etwas Schöneres gesehen.
Ab und zu trafen wir andere Wanderer, die meisten waren vom Yosemite Valley gestartet und kamen uns deshalb entgegen. Wie gehts? Wo kommt ihr her? Wo geht es hin? Erfahrungen wurden ausgetauscht, dann ging jeder wieder seines Weges.

Nach ca 18 km erreichten wir den Thousand Island Lake. Es war schon Abend und wir beschlossen, an diesem wundervollen Platz die Nacht zu verbringen. Ein Amerikaner, der redete und aussah wie Jack Nicholson, verriet uns, wo hier die schönsten Camp Spots sind und gab uns allerlei Tipps mit auf den Weg.
Es soll hier ziemlich viele Bären geben, das bestätigte uns auch eine Rangerin, die wenig später vorbeikam und kontrollierte, ob unsere Lebensmittel in Bear Cans verpackt sind.

Mit einem grandiosen Blick auf die tausend Inseln im See und den Banner Peak liessen wir den Abend am Lagerfeuer ausklingen. Lange noch lauschte ich in die Stille der Nacht hinaus. Jede Nacht hat wohl ihre eigenen Geräusche. In dieser Nacht war es das Heulen der Kojoten, welches immer wieder die Stille durchbrach. Das klang unheimlich und doch irgendwie schön.

Samstag, 24. Oktober 2009

In die Säulenhalle des Teufels

Mammoth Lakes befindet sich auf 2.400 m ü.M. und dementsprechend frisch ist die Luft, die uns am frühen Morgen beim Verlassen des Motels um die Nase weht. Das nächste Cafe ist nur ein paar Schritte weit und während wir auf die pancakes mit Heidelbeeren warten, verschicken wir noch die letzten emails in die Heimat.
Trotz oder gerade wegen der "freien" USA sind begehrte Backcountry Trips wie der John Muir Trail stark kontrolliert, es werden pro Tag nur eine sehr begrenzte Anzahl von Permits an Wanderer vergeben. Durchaus sinnvoll, denn diese Massnahme schützt die fragile Tier- und Pflanzenwelt und bewahrt die Natur in einem weitgehend ursprünglichen Zustand, ganz im Sinne des Naturschützers John Muir, nach dem dieser Weg benannt ist.
Mit einem Coffee to go gehts anschliessend zum Ranger Office, wir holen unser Wilderness Permit und die letzten guten Ratschläge ab und sitzen wenig später im Shuttle-Bus Richtung Red's Meadow, unserem Einstieg auf den John Muir Trail. Obwohl der Bus gut gefüllt ist, lässt es sich der Fahrer nicht nehmen, auf halber Höhe noch eine quirlige Schulklasse einzuladen - tausche einen Sack voller Flöhe gegen Sardinenbüchse!!!
Es ist schon Mittag, als sich die Bustüre öffnet, inzwischen gibt die Sonne ihr Bestes und wir wandern schwitzend im Pulk der Tagestouristen erst mal Richtung Devil's Postpile und Rainbow Falls.
Die Säulenhalle des Teufels befindet sich nur wenige Kilometer von der Andreasspalte. Dieses Monument sieht aus wie eine riesige Kirchenorgel. Vor weniger als 100'000 Jahren floss Basaltgestein als Lava in das vergletscherte Tal und die Luft kühlte das 120 Meter dicke flüssige Gestein an der Oberfläche ab. Dabei zog sich die Basaltmasse zusammen und es entstanden sechseckige Bruchstücke in der Form von Bienenwaben. Sehr beeindruckend! Auch die nachfolgenden Rainbow Falls machen ihrem Namen alle Ehre. Mach ein Bild von mir, dann mach ich eins von dir und dann nichts wie weg auf den Weg in die Stille.

Gleich nachdem wir zurück von den Falls auf den John Muir Trail abbiegen, lassen wir die Menschenmassen hinter uns und folgen unserem eigenen Rhythmus - ein Schritt nach dem anderen, ein Atemzug, zwei Schritte, einmal Ausatmen zwei Schritte - der immer wiederkehrende Rhythmus der Berge.
Unser Tagesziel Glady's Lake wollen wir vor Sonnenuntergang erreichen, doch es geht ständig leicht bergauf, die geschätzten 20 kg Gepäck ziehen mächtig an den Schultern und wir sind müde und hungrig. Etwa 3 km vorher, am Johnston Lake entdecken wir einen wunderbaren Platz für's Lager und wir beschliessen, dort die Nacht zu verbringen. In Kalifornien beträgt die Spanne zwischen Dämmerung und Nacht etwa 30 Minuten, die Zeit reicht gerade, um Holz für das Feuer zu sammeln, das Zelt aufzubauen und zu Kochen. Kurz bevor wir uns verkrümeln, kommt ein Reh am Lager vorbei und wünscht gute Nacht. Dann wird es dunkel.

Als wir in die Schlafsäcke kriechen - es ist grade mal 21 Uhr - haben wir nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Im Gegenteil - es passt alles.

Freitag, 23. Oktober 2009

Schweinegrippe...

...oder: was nützt einem Gesundheit, wenn man sonst ein Idiot ist ?

aus der taz :

Machen Sie alles falsch!
 
So geht es in zehn Schritten über die Angst vor der Seuche, die Furcht vor der Zwei-Klassen-Medizin und die Abneigung gegen Politiker hin zum totalen PR-Desaster.

1. Sorgen Sie für eine diffuse, angstverbreitende Problemlage und nennen Sie das Problem beim Namen eines Tieres, das für seine Körperhygiene nicht bekannt ist. Prophezeien Sie das Ende der Menschheit, mindestens aber das Ende aller menschlichen Körperkontakte.

2. Sorgen Sie dafür, dass durch dieses alarmistische Meldesystem jeder einzelne Fall bekannt wird. Heizen Sie damit die Stimmung an. Gut auch, wenn das Problem aus dem bösen Ausland stammt und jede Minute herüberzuschwappen droht. Verbreiten Sie in den Medien flächendeckend Bilder von vermummten Menschen hinter Quarantänezellenfenstern, die Augen blicken traurig bis verzweifelt. Scheuen Sie sich nicht, dafür Kinder zu benutzen.

3. Vermeiden Sie einfache Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheit, wie die Aufstellung von Desinfektionsmitteln in öffentlichen Räumen. Ignorieren Sie gute Beispiele aus dem Ausland. Sie wissen ja: Es kommt ganz dicke, da nutzt das sowieso alles nichts.

4. Bringen Sie stattdessen zwei verschiedene Impfstoffe in Umlauf. Raten Sie der einen Gruppe zum einen und warnen Sie die andere Gruppe vor dem anderen. Sorgen Sie dafür, dass Kinder- und Frauenärzte frühzeitig Bedenken an dem für die Normalbevölkerung gedachten Impfstoff anmelden und gerade die weltschützenswerteste Gruppen der Schwangeren und Kleinkinder in Gefahr scheinen. Je mehr Mediziner sich äußern, desto besser. Tun Sie alles, um die Lobby der Impfgegner zu stärken.

5. Verteilen Sie den Impfstoff, der nicht in der Kritik steht, an in der Bevölkerung ohnehin nicht unbedingt sympathieerzeugende Gruppen wie Beamte, Politiker und Bundeswehrsoldaten. Schüren Sie in den Medien dank Ihrer guten Kontakte zu Sozialverbänden und SPD-Gesundheitspolitikern die aufwühlende Debatte um die Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland. Nur zwei Klassen? Reagieren Sie auf diese Vorwürfe aber erst mal gar nicht.

6. Behandeln Sie die Bestellung von Impfstoffen als eine Art Nebensache. Als Innenministerium: Nehmen Sie das billigste Mittel, aber bestellen Sie möglichst früh. Bei billig muss man schnell zuschlagen. Wenn das Mittel keine Wirkstoffverstärker hat, umso besser. Warten Sie ab, es wird sich noch auszahlen.

7. Rücken Sie erst später mit der Sprache raus. Damit, dass der teurere Impfstoff in 50 Millionen Dosen übers Land verschippert wird. Schieben Sie alles auf die böse Pharmaindustrie. Demonstrieren Sie Machtlosigkeit.

8. Gehen Sie da als Kanzlerin vorneweg. Mit der Aussage, erst mal Ihren Hausarzt fragen zu müssen, wie sinnvoll eine Impfung überhaupt ist, beweisen Sie Kernkompetenz beim Thema und distanzieren Sie sich von der eigenen Entscheidungsmacht. Überlassen Sie das nicht Ihren Partei-Hardlinern wie den beiden Wolfgangs, Schäuble und Bosbach, die sich gar nicht erst impfen lassen wollen.

9. Vertreiben Sie auch noch die letzen Impfwilligen, indem Sie klarmachen: Ist alles schlecht. Oder: "Gleichgültig, was verimpft wird, es gibt immer Nebenwirkungen." (Klaus Vater, Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums)

10. Die von Ihnen medienwirksam in Szene gesetzte Pandemie bleibt aus. Gänzlich ungeimpft.

Dann doch lieber geimpft mit guter Musik das Sauwetter am Wochenende geniessen.
Da macht ihr nichts falsch :)

Fucked Up - Year Of The Pig [mp3]
Converge - Year of the Swine [mp3]
Sparklehorse - Pig [mp3]

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Motel 6



Der Morgen danach ist wie eine Erlösung. Das Frühstück teilen wir mit zahlreichen, frechen Squirrels, gönnen uns danach eine ausgiebige Dusche und packen dann unser Geraffel ins Auto.Wie gehabt fehlt mal wieder der Spiritus für den Trangia Kocher. Nachdem wir alle Shops im Valley abgeklappert haben, werden im letzten fündig. In der Ranger Station besorgen wir noch für 10$ Ausleihgebühr 2  Bear Cans - unkaputtbare Lebensmittel-Kanister, die von den Bären nicht geknackt werden können und einem vor bösen Überraschungen in der Wildnis bewahren - dann gehts los. Das Auto bei Happy Isles abstellen, alle Lebensmittel und Kosmetika, welche wir nicht auf den Trail mitnehmen, in die Stahlschränke am Parkplatz stopfen (die Bären brechen sonst in den Wagen ein) und dann Rucksäcke packen. Das zieht sich. Brauchen wir 2 Shirts oder reicht eines? 6 Mahlzeiten oder doch lieber noch eine Reservepackung? Die gefriergetrocknete Trekkingnahrung haben wir aus Deutschland mitgebracht, sie ist optimal zur Gewichtsreduzierung und passt wie angegossen in die Bear Cans. Irgendwann ist alles verschnürt und wir traben mit der ungewohnt schweren Last Richtung Bus-Stop. Pünktlich um 17 Uhr fährt YARTS Richtung Mammoth Lakes, an der Ostseite der Sierra Nevada entlang, über den Tioga Pass mit wunderschönem Blick auf den Abendhimmel, am Mono Lake vorbei. Während der Fahrt erhalten wir eine Gratislektion über den American Way Of Life eines Busfahrers. Die Kinder, die Ehen, die Motorradtouren, die Besäufnisse und alle anderen Abenteuer erzählt der gesprächige Driver lauthals allen, die es hören oder nichthören wollen und macht damit die 3-stündige Tour zum kurzweiligen Erlebnis. Dann leert sich der Bus allmählich, es ist schon dunkel als wir ankommen und wir haben noch keinen Plan, wo wir in Mammoth Lakes unser Lager aufschlagen werden. Kein Problem, unser Fahrer weiss natürlich Bescheid.

Das Motel 6 ist gleich neben der Haltestelle, preisgünstig und komfortabel und wir geniessen ausgiebig die letzte Nacht im weichen Bett.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Wärme statt Autos - ein Lichtblick



Na also, es geht doch.
VW und der Öko-Stromanbieter Lichtblick wollen synergetisch mit Minikraftwerken den Energiemarkt aufmischen. VW produziert die mit modernen Gasmotoren angetriebenen Zuhause-Kraftwerke und Lichtblick vertreibt die Anlagen.
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Art International

Zürich ist immer einen Ausflug wert.



11. Internationale Kunstmesse
Vom 16.-18. Oktober / 11 - 20 Uhr
Kongresshaus Zürich 

Dienstag, 13. Oktober 2009

111° Fahrenheit


Nach einem geschirrlosen Steh-Frühstück machen wir uns auf den Weg, raus aus dem Stadtdschungel. Drei Stunden und wir haben es geschafft. Erst durch die Hügel nördlich von Hollywood, dem Verlauf der Interstate 5 folgend, dann auf dem Highway 99 Richtung Bakersfield, bis das Auto Durst und wir Hunger bekommen. An der Gas-Station gibts für uns zur Abwechslung mal einen Burger mit Coke XXL. Man kann gar nicht so schnell trinken, wie man den Saft wieder herausschwitzt. Inzwischen habe ich gelernt, dass 111° Fahrenheit 44° Celsius sind - die Vorstufe zur Hölle, wenn man gerade dem Kühlraum eines klimatisierten Wagens entsprungen ist. Aber wir machen es nicht wie die anderen, die ihr food quick and fast im Wagen verspeisen. Mutig setzen wir uns im Backofen auf die mittlere Schiene ein Bänkchen jenseits der Tanke und kauen schmorend am American Way Of Life. Wahnsinn.

Die Weiterfahrt bringt uns durchs eintönige Central Valley, vorbei an riesigen Rinderzuchtanstalten und bewässerten Obstplantagen, durch trockene Steppen-Landschaften, deren Indischgelb im Kontrast zum Azurblau des Himmels dem Auge schmeicheln.
Nach Fresno geht es auf die 41, langsam wird es hügelig. Die Strasse schlängelt sich durch die Ausläufer der Sierra Nevada Richtung Oakhurst. Grelles Sonnenlicht verschwindet hier hinter schattenspendendem Wald, eine Wohltat für die Augen. Etliche Serpentinen führen erst hinauf, dann wieder runter, durch einen Tunnel direkt in dieses Bild - den Tunnel View. Zauberhaft, wie die mächtige Nase des El Capitan mit der Kuppel des Half Dome im weichen Licht der Abendsonne kokettiert. Zeit für ein shooting.

Am Eingang zum Yosemite National Park kaufen wir für 20$ ein Fünf-Tages-Permit und machen uns im Valley auf die Suche nach einem Camp Ground. Viele vor uns haben das offensichtlich auch schon getan, denn alle Campingplätze sind belegt. Blöd.
Die Strassenführung im Yosemite Valley ist erstmal ziemlich verwirrend, nach einigen Runden finden wir endlich ein freies Cabin im "Housekeeping Tent", einem ziemlich lustigen und lebhaften Camp in Curry Village. Die einfachen Unterkünfte - halb Zelt, halb Bungalow - sind spartanisch ausgestattet. Stockbetten und Matratzen,  Steckdose, eine Lampe, drei Wände, ein Dach und als Eingang ein Vorhang - fertig.
Inzwischen ist es stockdunkel, es herrscht Hochbetrieb an den Lagerfeuern. Jung und alt, Kind und Kegel, alles bruzzelt, isst und plappert, mal spanisch, mal englisch, chinesisch oder deutsch, aber munter durcheinander.
Als um 10 Uhr der Ranger mit der Taschenlampe kontrolliert, ob alle Lebensmittel brav und bärensicher in die dafür vorgesehenen Stahlschränke gesperrt sind, senkt sich Stille übers Dorf.
Dann, mitten in der Nacht, so zwischen 3 und 4 Uhr, ein Höllenlärm. Männer und Frauen schreien wild durcheinander, Topfdeckel werden lautstark aneinandergeschlagen und Auto-Alarmanlagen kreischen durch die Dunkelheit. Wir spähen durch den Vorhang und sehen zwischen den Zelten Lichtschein von Taschenlampen. Sonst nichts. Nach 10 Minuten ist der Spuk vorbei, der Bär wohl verjagt, und mit ihm unser restlicher Schlaf.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Von Leistungsträgern und anderen Versagern


 gefunden bei "READERS EDITION"

"Es gehört inzwischen zum Standardrepertoire der rechten Szene, unliebsamen Mitbürgern die Rechnung aufzumachen. Vom Kleinkind bis zum Greis werden vor allem Pflegebedürftige, Ausländer und HartzIV-Empfänger unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten taxiert.
Auf der Selektionsrampe der Soziobiologisten und Sozialdarwinisten werden betagte Kranke danach geprüft, ob sie noch eines Hüftgelenks würdig sind. Für Ungeborene erstellt man je nach ethnischer und Schichtenzugehörigkeit kollektive Erfolgs- oder Misserfolgsprognosen.
Das geschieht nicht selten in pseudowissenschaftlichen Begriffen und Denkmustern, deren Wurzeln an die Scharlatanerie einer längst überwunden geglaubten Sozial-und Rassenhygiene erinnern.
Die Hauptakteure dieser Welle an Volksaufklärung sitzen in den Redaktionen von BILD und SPIEGEL. Sie heissen Baring, Broder, Diekmann, Mohr, Metzger und Volkery. Von “HartzIV-Hütten”, ist in ihren Beiträgen verächtlich die Rede, davon, dass das Prekariat nur unterhalten werden will.
Folgt man deren Weltsicht, ergeben sich Würde und Wert eines Menschen nicht per se aus dem Menschsein selbst, sondern aus seinen Immobilien, dem Kurs seiner Wertpapiere und dem Grad seiner Verwertbarkeit.
Eine Art Kastendenken hat sich während der vergangenen neoliberalen Ära in den Köpfen dieser “Starautoren” breitgemacht. Kinder unter HartzIV werden zum Beispiel pauschal als “verdickt und verdummt” entwertet. Auch eine ganz neue Mathematik wird bemüht, um das krude Weltbild zu verkaufen. Es habe sich ein Millionenheer herausgebildet, das seit Generationen von Soziahlilfe lebe, so lesen wir beim Ex-GRÜNEN Oswald Metzger.
Diese stereotype Wendung hat sich inzwischen nicht nur an den einschlägigen Stammtischen festgesetzt, auch etliche bildungsbürgerlich angehauchte Zirkel glauben inzwischen solchen Darstellungen.
Man fragt sich, wo Metzger, Broder, Diekmann und Co diese Entwicklung beobachtet haben wollen. Auf dem Merkur, wo ein Jahr 90 Tage dauert? Hier auf der Erde währt jedenfalls eine Generation 25 bis 30 Jahre, das Jahr zu 365 Tagen. Bis 1980 gab es bundesweit nicht einmal 300.000 Menschen, die von Sozialhilfe leben mussten.
Heute schreiben wir das Jahr 2009. In welcher Raum-Zeit-Falte bringen die sozialdarwinistischen Stichwortgeber der Ultrarechten mehrere Millionen “Leistungsverweigerer” und davon gleich drei Generationen unter?
Um die Minderwertigkeit der neu erfundenen Parias aus der Unterschicht besonders verwerflich erscheinen zu lassen, werden ihnen die modernen Übermenschen gegenübergestellt : die vielbeschworenen Leistungsträger. Doch wer ist diese legendenumwobene Spezies? Wie sind sie definiert? Woran erkennt man sie?
Folgt man der Logik des Boulevard, dann gehört jeder, der mehr als 100.000 Euro jährlich verdient, zur Leistungsträger-Elite. Vor allem Vermögensmillionäre gelten in den Augen der massenmedialen Volksprediger als Säulenheilige, die auf ihren wattierten Schultern wie Titane und Herkulesse das Himmelsgewölbe der Gesellschaft tragen.
Leistung bemisst sich laut Tenor in SPIEGEL, stern und BILD am Konto- und Vermögensstand. So darf sich Thilo Sarrazin mit seinem Jahresgehalt von 220.000 Euro ebenso zu den Leistungsträgern zählen wie Peter Hartz mit seinen vormals 300.000 Euro Salär, Gerhard Schröder mit seinem Gazprom-Beraterlohn gehört gemäss unfehlbarer Medien-Kurie genau so in den Olymp der Leistungsträger wie Frau Schaeffler, Hartmut Mehdorn, Klaus Zumwinkel oder Ex-Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick.
Allein die Auflistung dieser Namen weckt bei kritischen Geistern mehr als nur leise Zweifel, ob die Kriterien der Bouleveardphilosophen, was Leistung angeht, wirklich so objektiv sind, wie sie deklamatorisch beteuern. Sind Jahresgehalt und Millionenvermögen wirklich Indizien einer andächtig zu bewundernden Leistung?
Was ist mit den Wafffenschiebern a la Schreiber, was mit den Milliarden-Bankrotteuren Schneider, Schmider, Madoff oder Lehman-Chef Richard Fuld? Wie ist die Leistung von Menschenhändlern, Atomlobbyisten oder gewisser Gorleben-Gutachter einzustufen? Sie alle sind Bestverdienende, die allermeisten mit Millionen-Vermögen in der Hinterhand.
Wie steht es um die Leistung der hochbezahlten Ratingagenten, Wertpapieranalysten, Bankberater, die gesunde Firmen um ihr angelegtes Eigenkapital, Millionen um ihre Jobs, ihr Erspartes, ihre Altersvorsorge gebracht haben?
Alles Leistungsträger? Gemäss SPIEGEL, Stern und BILD: Ja.
Was ist mit den Unternehmensberatern von GROHE, Rosenthal oder MÄRKLIN? Sie haben Millionengehälter kassiert und führten diese Firmen in den Ruin, zerstückelten eingespielte Teams, verhökerten kostbares Know-How. Worin lag die Leistung dieser angeblichen Koryphäen?
Worin liegt der besondere Nutzen der Lobbyarbeit eines Wolf-Rüdiger Landowsky oder eines Friedrich Merz? Was haben sie Positives für die Gesellschaft bewirkt? Was ist von der Leistung eines Wolfgang Clement zu halten, der heute bei RWE Power und dem Zeitarbeits-Giganten Adecco hochdotierte Posten einnimmt und der dafür gesorgt hat, dass ein Heer von Tagelöhnern saisonweise für untertarifliche Mini- und Hungerlöhne schuftet, dass auskömmliche, existenz- und familiensicherende Beschäftigung immer mehr zur Seltenheit wird?
Sie alle kassieren sechsstellige Tantiemen, haben Millionenvermögen angehäuft. Sind sie deshalb wirklich schon Träger echter Leistung?
Hat nicht jeder Kindergärtner oder Taxifahrer, jede Putzfrau oder Friseuse hundertmal mehr Positives für die Gesellschaft geleistet als die Vorgenannten?
Noch mehr Zweifel am Leistungsträger-Kult keimen auf, wenn man das bisherige Lebenswerk der Herren Westerwelle, Asmussen und Steinbrück näher betrachtet. Per Lobby und Gesetz haben sie jene Schwindel- und Giftpapiere legalisiert und salonfähig gemacht, die den Steuerzahler inzwischen Hunderte von Milliarden kosten und die Staatsverschuldung in ungekannte Höhen getrieben haben.
40 Milliarden für die Rettung der Landebanken von Bayern bis Sachsen, für LBBW und HSH, 20 Milliarden kostete die Commerzbank-Rettung den Steuerzahler. Bisher. Alle verantwortlichen “Leistungsträger” gingen mit Millionen-Boni beschenkt nach Hause.
Jeder anatolische Obst- und Gemüsehändler, jede Alleinerziehende, jeder einzelne aus der verhöhnten Unterschicht hat hundertmal mehr und Wertvolleres für diese Gesellschaft geleistet als die vergoldeten Galionsfiguren und Ikonen, die in BILD und SPIEGEL beweihräuchert werden.
Oder was ist mit Jürgen Schrempp, dem ehemaligen Daimler-Chef? Um das Jahr 2000 wurde er von Henry M. Broders Kollegen als Weltstratege gefeiert. Inzwischen weiss man: 50 Milliarden Verlust hat Jürgen Schrempp - vorsichtig geschätzt - mit seinen Auslandsabenteuern eingefahren. Mindestens 100.000 Mitarbeitern kosteten seine Allüren den Job.
Alle seine Artgenossen aber stellt der “Leistungsträger” Hans Tietmeyer in den Schatten. Der einstige Bundesbank-Chef übernahm 2002 das Ruder bei der Deutschen Pfandbriefanstalt, machte in Irland dubiose Milliardengeschäfte mit Immobilien und Hypotheken. Als es finanziell knisternd eng wurde, lenkte er den Supertanker Depfa randvoll mit zertifiziertem Nitroglyzerin in den Hafen der Hypo Real. 100 Milliarden Euro kostete sein scharfer Leistungsträger-Verstand bisher die Allgemeinheit. Und für weitere 500 Milliarden muss der Steuerzahler seither gradestehen.
Genau dieser Hans Tietmeyer aber wurde von Westerwelles FDP 2002 als Banken-Kontrolleur und Chef der Bankenaufsicht vorgeschlagen, genau diesen Hans Tietmeyer wollte Angela Merkel als Experte ins Beraterteam zur Bewältigung der Finanzkrise bestellen.
Das also sind sie.
Die Exponenten und Spitzenkräfte unter den vielbesungenen Leistungsträgern. Der gesellschaftliche und wirtschatfliche Schaden dieser Alchimisten geht ins Astronomische.
Alle schwarzen Schafe unter den Leistungsbeziehern dieser Republik haben zusammengerechnet in den 60 Jahren seit ihrem Bestehen nicht einmal ansatzweise den Schaden verursacht wie ein einziger dieser erlauchten “Leistungsträger”.
Der neue Politik- und Wirtschaftsadel sowie deren Gefälligkeitsschreiber leben offensichtlich seit vielen Jahren in einer Art Rokoko-Kokon. Das heisst: Sie bekommen nur noch ganz am Rande die Nöte der kaum mit Vermögen gesegneten Mehrheit mit. Dennoch spüren auch die Höflinge inzwischen: Der Wind hat sich gedreht, das Volk glaubt nicht mehr alles, was ihm die Gilde der globalisierungsgläubigen Ablassprediger vorsetzt.
Um den Mythos vom Leistungsträger zu retten, um vom Totalversagen der bisher bestaunten Eliten und ihrer Superhelden abzulenken, werden deshalb seit geraumer Zeit in den Artikeln der Top-Meinungsmacher immer öfter Ingenieure, Ärzte und Techniker als Leistungsträger ins Rampenlicht gerückt, sozusagen als Schokostreusel auf dem ansonsten zusammengefallenen Teig aus milliardenschweren Versagern, Schiebern und Halbkriminellen.
Doch das Publikum durchschaut den faulen Budenzauber. Diese Tarn- und Täuschungsversuche wirken auf viele so, als hätte man Einstein und Albert Schweitzer zu einem Gruppenfoto mit Berlusconi und den internationalen Mafiabossen zusammenmontiert, als würde man die “Ärzte ohne Grenzen” in einem Werbespot für Landminen missbrauchen.
In dieser Phase allgemeinen Argwohns und Misstrauens, da der Manager- und Leistungsträger-Kult nicht mehr verfängt, da des Kaisers neue Kleider immer durchscheinender werden, greift man in den Redaktionen von SPIEGEL, stern und BILD zum letzten publizistischen Mittel: eine Minderheit wird als Sündenbock für die Krisenerscheinungen und den Niedergang des Landes präsentiert."